Grimm-Förderpreis: Die Ausbildung von Deutschlehrkräften neu denken
Wie lässt sich ein unterstützendes Umfeld für angehende Deutschlehrkräfte gestalten? Dr. Elaine Cristina Roschel Nunes, die an der Bundesuniversität von Santa Catarina (UFSC) in Brasilien lehrt, entwickelt neue Wege in der Ausbildung – praxisnah, kritisch und kollaborativ. Sie wird nun vom DAAD mit dem Jacob- und Wilhelm-Grimm-Förderpreis ausgezeichnet, der seit 2011 Nachwuchsforschende der Germanistik würdigt.
Frau Dr. Roschel Nunes, wie haben Sie zur Germanistik und speziell zum Unterrichten von Deutsch als Fremdsprache (DaF) gefunden?
Bereits als Kind wollte ich Lehrerin werden, denn die Bereiche Sprache und Lernen haben mich schon früh interessiert. Nach einer Ausbildung zur Grundschullehrerin habe ich dann tatsächlich an einer Grundschule in São Paulo gearbeitet. In meinem Viertel war Bildung oft schwer zugänglich, Fremdsprachen ein ferner Traum. Doch ich wollte unbedingt studieren und Fremdsprachen lernen – und habe die Aufnahmeprüfung an einer technischen Fachhochschule bestanden, wo ich eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin absolvierte. Die Erzählungen meiner Mutter über unsere deutschen Vorfahren weckten zusätzlich meine Neugier. Schließlich bekam ich die Chance, als Au-pair nach Deutschland zu gehen.
Zurück in Brasilien bildete ich mich über das Goethe-Institut zur Deutschlehrerin weiter und promovierte später – ein schwieriger, aber bereichernder Weg, voller Herausforderungen, vor allem finanzieller Art. Der Wunsch, die Geschichte meiner Familie besser zu verstehen, hat mich dabei ebenso getragen wie die Liebe zur Sprache. Inzwischen habe ich auch eine „zweite Familie“ in Deutschland – im Hunsrück. Dass ich heute selbst an einer Universität lehre, ist für mich keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Antrieb, auch anderen solche Wege zu ermöglichen, die wie ich damals mit finanziellen und strukturellen Problemen zu kämpfen haben.
Was sind die Herausforderungen der Deutschlehrkräfteausbildung in Brasilien?
Der Lehrberuf ist schlecht bezahlt, wenig angesehen und strukturell unterfinanziert. Fremdsprachen wie Deutsch haben im Bildungssystem kaum Platz, was feste Anstellungen erschwert. Soziale Ungleichheit erschwert vielen den Zugang zu einem Studium und zu Auslandserfahrung. Als Brasilianerin, die selbst den Weg zur Deutschlehrerin gegangen ist, kenne ich die Unsicherheiten und das Minderwertigkeitsgefühl, das viele in diesem Beruf beziehungsweise im Lehralltag erleben. Mein Ziel ist es, die Ängste meiner Studierenden ernst zu nehmen und Auswege zu finden, wie wir sie gemeinsam überwinden können. Sichtbarkeit für diese Themen ist dringend nötig, auch für die Zukunft des Deutschunterrichts. Positiv stimmt mich, dass meine Studierenden trotz allem optimistisch, kritisch und aktiv sind. Dabei sollte man wissen: Brasilien ist das Land mit den meisten Deutschsprechenden in Lateinamerika. Mehr als eine Million Brasilianerinnen und Brasilianer sprechen Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache. Gerade deshalb geht es beim Sprachenlernen um mehr als nur Grammatik oder Vokabeln: Es geht um das Eröffnen von Perspektiven, um Austausch und plurale Kommunikation. Sprache ist ein Zugang zu kritischem Denken, zu Empowerment und sozialem Wandel – auch im brasilianischen Kontext, in dem Deutsch Teil unserer Geschichte ist.
Mein Ansatz will die Lehrenden ermutigen, eigene Ideen und Methoden zu entwerfen, die zu ihren persönlichen Erfahrungen und dem Umfeld passen, in dem sie unterrichten.
Dr. Elaine Cristina Roschel Nunes
In Ihrer Dissertation entwerfen Sie ein Mentoring-Programm für angehende Lehrkräfte. Was ist Ihr Ansatz?
Ich verstehe Mentoring als kollektiven, dialogischen Prozess zwischen Studierenden, Dozierenden und erfahrenen Lehrkräften – kein Hierarchiegefälle, sondern ein gemeinsames Lernen auf Augenhöhe. In meinem Ansatz reflektieren Mentees ihr Unterrichtserleben, formulieren Hypothesen und entwickeln ihren Stil in einem unterstützenden Umfeld. Ziel ist es, die Lehrenden zu ermutigen, eigene Ideen und Methoden zu entwerfen, die zu ihren persönlichen Erfahrungen und dem Umfeld passen, in dem sie unterrichten – anstatt einfach vorgegebene Konzepte zu übernehmen. Ich bezeichne das als lokale Kreativität, also Ideen, die aus dem konkreten Kontext heraus entstehen. Und Mentoring heißt dabei nicht nur zuhören, sondern auch anregen, stärken, gemeinsam denken. Das schafft Sicherheit und Motivation in einer Phase, die oft von Unsicherheit geprägt ist. Oft genügt ein Gespräch, um Probleme neu zu sehen oder aus eigener Initiative heraus Lösungen zu finden.
Wird Ihr Ansatz bereits praktisch umgesetzt?
Ein Beispiel ist unser Projekt „Pilotierungsgruppe“ am Sprachenzentrum der Universität Santa Catarina: Studierende beobachten sich gegenseitig und reflektieren im geschützten Rahmen. Parallel arbeiten wir an der UFSC an einem Sprachzentrum für die Gemeinde; Studierende können dort erste Erfahrungen als Lehrende sammeln. Ab August 2025 bauen wir dieses aus und kooperieren mit Schulen der Region, um mehrsprachige Workshops zu veranstalten. Zudem wurden wir kürzlich Teil des Programms Germanistische Institutspartnerschaften (GIP) mit der Universität Jena und tauschen uns nun auch länderübergreifend über Ideen, neue Perspektiven und wissenschaftliches Mentoring in diesem Bereich aus. Die Auszeichnung mit dem Grimm-Förderpreis bestärkt mich darin, dass ein Unterricht, der die Lebensrealität der Lernenden ernst nimmt, in der Lehrkräftebildung mehr Beachtung findet.
Sie haben an Projekten zur digitalen Kompetenz im DaF-Bereich mitgearbeitet. Welche Rolle spielen digitale Tools mittlerweile?
Digitale Medien bieten auf der einen Seite viele Möglichkeiten für Austausch, Partizipation und Empowerment – gerade im Sprachunterricht. Auf der anderen Seite fördern sie auch Ausgrenzung, Desinformation und Abhängigkeit. Besonders problematisch wird das, wenn der kritische Umgang mit digitalen Inhalten fehlt – etwa im Hinblick auf die Verbreitung von Fake News, wie sie im Kontext der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in Brasilien bereits absehbar ist. Deshalb braucht es eine kompetente, reflektierte Mediennutzung. An meiner Universität setzen wir deshalb ein Podcast-Projekt um, bei dem Studierende Inhalte selbst entwickeln und veröffentlichen, von der Idee bis zur Endbearbeitung. Dabei arbeiten wir sozialpolitische Themen im brasilianisch-deutschen Kontext auf: Die Vertreibung indigener Völker in Südbrasilien, die Rolle schwarzer Frauen im DaF-Bereich oder Mehrsprachigkeit standen bereits im Fokus. Ziel ist es, verdrängte Geschichten sichtbar zu machen, Perspektiven zu verknüpfen und gemeinsame Lernräume zu schaffen – gegen Ausgrenzung, für Dialog, Teilhabe und eine reflektierte Sprache.
Interview: Christina Pfänder (24. Juli 2025)