Europäische Hochschulallianz SEA-EU: Durch Meer und Wissenschaft verbunden

„SEA-EU Science Show“: Bühne für den Dialog von Wissenschaft und Gesellschaft

Wie können Wissenschaft und Gesellschaft enger zusammenkommen? Welche Formen der Kommunikation und des Austauschs helfen dabei? Die Europäische Hochschulallianz SEA-EU verbindet Küstenstädte des Kontinents und geht neue Wege des Dialogs.

Ist das da draußen nur ein Schauer oder schon ein „Rainageddon“? Auch wenn es in Kiel am 26. September 2025 mal nicht regnete, freute sich das Publikum der „SEA-EU Science Show“ sehr über die kreative Wortbildung aus „Rain“ und „Armageddon“. Mit dem Beispiel veranschaulichte Sarah Paetzke, Doktorandin im Fach Nordische Philologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), das linguistische Konzept der „Extravaganz“: „Es geht um das Phänomen, dass Menschen ungewöhnliche sprachliche Mittel verwenden, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ich forsche zu den kognitiven und kommunikativen Faktoren, die dabei eine Rolle spielen.“ An der Show, bei der Nachwuchsforschende leicht verständliche, bühnenreife Kurzvorträge über ihre Arbeit halten, nahm Sarah Paetzke teil, weil sie Menschen zum Nachdenken über Sprache anregen möchte – „ein aktuelles Thema auch vor dem Hintergrund sich rasant entwickelnder KI-Sprachmodelle“.

Seit Gründung der Hochschulallianz „Europäische Universität der Meere“ (SEA-EU), in der die CAU mit acht anderen Hochschulen in Küstenstädten zusammenarbeitet, fanden im Rahmen der jährlichen, europaweiten „European Researchers’ Night“ schon mehrere Science Shows in Kiel statt. Zur Vorbereitung bietet die CAU mehrtägige, von Coaches geleitete Workshops in Wissenschaftskommunikation an, die durch das SEA-EU Office und das Graduiertenzentrum der Hochschule unterstützt werden. Sarah Paetzke nahm zusammen mit Promovierenden fast aller SEA-EU-Partner teil. „Die Zusammenarbeit war toll, wir haben uns gegenseitig angefeuert, konstruktive Kritik geübt und unsere Vorträge immer weiter verbessert“, erinnert sie sich. Die Teilnehmenden hätten sich auch intensiv mit sich selbst und ihren verschiedenen wissenschaftlichen Arbeitsweisen auseinandergesetzt: „Ich habe mich dadurch persönlich weiterentwickelt.“ 

„Neugier und Begeisterung für Forschung wecken“

Mit der Initiative Europäische Hochschulen fördert die EU grenzüberschreitende Hochschulnetzwerke, die besonders enge, transformative Kooperationsmodelle erproben – nicht nur in Forschung und Lehre, sondern auch beim Transfer in die Gesellschaft. Wissenschaftskommunikation ist den SEA-EU-Partnern auch deshalb ein wichtiges Anliegen. „Wir möchten Neugier und Begeisterung für Forschung wecken, besonders in der jungen Generation. Denn Forschung und Wissenschaft sind entscheidend für die Zukunftsfähigkeit Europas“, sagt Dr. Jonathan Durgadoo, der an der CAU die SEA-EU-Initiative koordiniert. In Zeiten von gezielter Desinformation und Fake News stünden die Hochschulen außerdem in der Verantwortung, überprüfbare Erkenntnisse zu vermitteln und so zur Versachlichung von Debatten beizutragen: „Wir sehen gemeinsame Wissenschaftskommunikation mit unseren Partnern als einen Weg, die europäischen Werte Demokratie und Toleranz zu fördern.“

Innerhalb von SEA-EU gebe es einen intensiven Austausch zur Wissenschaftskommunikation, ergänzt Durgadoos Kollegin Dr. Rosemary Wilson: „Wir haben ein Kooperationsnetzwerk aufgebaut, in dem wir voneinander lernen und uns gegenseitig dabei helfen können, die Sichtbarkeit von Wissenschaft und Innovation in ganz Europa zu steigern.“ Auch viele Aktivitäten der Partnerhochschulen sind sehr öffentlichkeitswirksam. So ging das Forschungsschiff „Ozeanograf“ der polnischen Universität Gdańsk in allen Hafenstädten mit SEA-EU-Hochschulen vor Anker und lockte viele Interessierte an Bord. Die Universität der Algarve in Faro organisierte 2025 die gut besuchte Wanderausstellung „Transformation der Küstenlandschaft der Ostalgarve“, die anhand historischer und aktueller Fotografien deutlich machte, wie stark Urbanisierung und Küstenerosion die Landschaft seit den 1930er-Jahren verändert haben.

Vernetzung durch das nationale Begleitprogramm des DAAD

Der DAAD unterstützt die 75 deutschen Hochschulen, die einer Europäischen Hochschulallianz angehören, im Rahmen eines nationalen Begleitprogramms und veranstaltet regelmäßige Online-Foren und Treffen zum Erfahrungsaustausch. Darüber hinaus organisiert der DAAD Runde Tische mit der Politik, um regulatorische Hürden für die Zusammenarbeit der Allianzen zu identifizieren und abzubauen. „Davon haben wir sehr profitiert“, sagt Jonathan Durgadoo: „Seit einem Runden Tisch, bei dem es unter anderem um europäische Studiengänge ging, arbeiten wir eng mit der Europa-Universität Flensburg zusammen, die ebenfalls einer Europäischen Hochschulallianz angehört.“ Beide Hochschulen führen seitdem auch gemeinsame Gespräche mit dem für Wissenschaft zuständigen schleswig-holsteinischen Landesministerium.

Mammutprojekt in Kiel, Brest und Split

Im kommenden Jahr findet in den SEA-EU-Städten Kiel, Brest in Frankreich und Split in Kroatien ein besonders intensives Wissenschaftsprogramm statt: Der gemeinsame Antrag der Städte „UNITES“ erhielt den Zuschlag für die mit sechs Millionen Euro dotierte EU-Förderinitiative „Science Comes to Town“, deren Ziel es ist, Wissenschaft und Gesellschaft näher zusammenzubringen. „Der Erfolg basiert auf der engen Verbindung aller drei Hochschulen mit ihren Städten und Regionen – und natürlich auch auf der guten Zusammenarbeit innerhalb von SEA-EU“, sagt Rosemary Wilson. Bei dem Mammutprojekt arbeiten die Städte Kiel, Brest und Split, die Hochschulen und insgesamt rund 70 nationale und internationale Partner zusammen, die Leitung liegt bei der Stadt und Region Kiel. Die feierliche Auftaktveranstaltung findet im Januar 2026 in Split statt. Ein Höhepunkt wird der europäische Jugend-Wissenschaftswettbewerb EUCYS sein, bei dem im September in Kiel die Gewinnerinnen und Gewinner der nationalen MINT-Nachwuchswettbewerbe miteinander wetteifern. Brest ist 2026 Schauplatz des Talent-On-Wettbewerbs für Nachwuchsforschende aus Europa. 

Teilhabe steht bei „Science Comes to Town“ im Mittelpunkt. Unter anderem ist ein gemeinsames Citizen-Science-Projekt aller drei Städte geplant. Zudem sind Bürgerinnen und Bürger in Kiel, Brest und Split dazu eingeladen, eigene kleine Forschungsprojekte für ihre Stadt oder Region zu entwickeln und mit wissenschaftlicher Begleitung umzusetzen: „Dabei geht es nicht um komplizierte Laborexperimente, sondern um praktische Projekte, die Wissenschaft mit dem Leben vor Ort verbinden“, sagt Rosemary Wilson. Und natürlich werden zur European Researchers’ Night 2026 wieder die Science Show in Kiel und ähnliche Veranstaltungen in Brest und Split stattfinden. Dabei treten diesmal auch Teams aus Bürgerinnen und Bürgern in „Science Battles“ gegeneinander an. 

Miriam Hoffmeyer (9. Dezember 2025)

 

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