Mehr als nur reden: Wie Wissenschaft gesellschaftlichen Dialog belebt

Sechs Personen sitzen auf einer Bühne in einem Halbkreis auf roten Stühlen und diskutieren engagiert in einer Podiumsdiskussion.

Während der Ton in öffentlichen Debatten rauer wird, schafft Wissenschaftskommunikation neue Räume für konstruktive Auseinandersetzung. Vom „Streitclub“ im Theater und auf YouTube bis zur politisch wirksamen Ringvorlesung zeigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen, wie man über heikle Themen zielführend diskutieren kann.

Wer an einem Theater „Streitclub“ liest, vermutet eher keine Bühne für Wissenschaftskommunikation. Doch tatsächlich verbirgt sich dahinter ein Format des Frankfurter Standorts des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ), in dem in elf Städten mehr als 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts arbeiten. In Frankfurt am Main laden die Politikwissenschaftlerin Professorin Nicole Deitelhoff und der Publizist und Jurist Professor Michel Friedman mehrmals im Jahr Gäste auf die Bühne, die in polarisierten Feldern gegensätzliche Positionen vertreten. Mit der Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt und dem Gründer der Europäischen Stabilitätsinitiative, Gerald Knaus, debattieren sie über Migration; mit dem Kabarettisten Florian Schroeder und Medienanwalt Christian Schertz über Meinungsfreiheit; mit den Politikprofessoren Carlo Masala und Johannes Varwick über Europas Sicherheit. 

Lust auf demokratische Kontroverse

Es ist der bereits vierzehnte Streitclub des FGZ, und das Besondere an diesem Format ist: Auch bei konträren Positionen wird stets der gegenseitige Respekt gewahrt, auch der Satz „In diesem Punkt gebe ich Ihnen recht“ fällt so gut wie jedes Mal. Lob gibt es dafür sogar in den sonst eher rauen YouTube-Kommentarspalten: „Fast therapeutisch“, hat dort jemand notiert, „man denkt kaum noch, dass so etwas heute noch möglich ist.“ 

Dabei wollen die Veranstalter genau das erreichen: Die Gäste dürften „meinungsstark sein und durchaus recht haben wollen“, auch mal „unangenehm“ werden, jedoch nicht „den Rahmen des streitbaren Dialogs aufopfern oder unredlich werden“, erklärt das Team um Deitelhoff und Friedman. Man wolle „Lust auf demokratische Kontroverse“ machen – und zu der gehöre, „dass man zulässt, selbst hinterfragt zu werden, und den anderen auch mal einen Punkt zugesteht“. 

Geglückte Moderation

Was es dazu braucht, ist eine geschickte Moderation, und die hat das Frankfurter Format gefunden: Nicole Deitelhoff, die das Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung leitet, ist eine der führenden Stimmen in Streit- und Konfliktthemen, Michel Friedmans Expertise als Interviewer und Debattierer seit Jahrzehnten bewährt. Beide beziehen durchaus selbst Position, achten aber zugleich streng auf die Einhaltung der Regeln eines fairen Streits. Das tun sie auch, wenn in der letzten halben der rund zwei Stunden Schülerinnen und Schüler mitdiskutieren und so die nächste Generation an demokratische Streitkultur herangeführt wird. Freundlich, aber streng heißt es, wenn diese die Gesprächspartner mit allzu zugespitzten Thesen konfrontieren, schon mal von Friedman: „Das ist eine Unterstellung, das hat er nicht gesagt.“ 

Universität Bayreuth: „Wir liefern Antworten“

Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt mag für einen wissenschaftskommunikativen Zugang zu gesellschaftlich strittigen Themen prädestiniert sein. Allein steht es mit diesem Engagement indes nicht da. Auch an den Hochschulen ist der Dialog mit der Gesellschaft im Rahmen ihrer sogenannten „Third Mission“ fest verankert. Und auch hier stehen immer wieder kontroverse Themen auf dem Programm.

Die Universität Bayreuth zum Beispiel diskutiert in einer ganzen Reihe Formate mit der Gesellschaft: Es gibt öffentliche Ringvorlesungen, „Bayreuther Stadtgespräche“ und ein Format namens „Wir liefern Antworten“, das den Austausch zwischen Bürgern und Forschenden fördert. „Aktuell virulente Themen“ gehörten zum Konzept, teilt die Leiterin der Kommunikationsabteilung, Angela Danner, mit; zuletzt standen etwa die 50+1-Regel im Fußball, Künstliche Intelligenz, die Zukunft der Energie, 80 Jahre Kriegsende und Outdoor-Apps auf dem Programm. 

Debatte um NS-Dokumentationszentrum

2024 mischte sich die Universität auf besondere Weise in eine städtische Debatte ein. Während der Stadtrat diskutierte, ob im ehemaligen Wohnhaus des Wagner-Biografen und rassistischen Vordenkers Houston Stewart Chamberlain ein NS-Dokumentationszentrum eingerichtet werden solle, flankierte die Universität den Prozess mit der öffentlichen Ringvorlesung „Wie erinnern? Nationalsozialismus und Rassismus im Lokalen“. Das breit gefächerte Programm umfasste Vorträge zum Verhältnis Richard Wagners zu Chamberlain (der nicht nur sein Biograf, sondern auch sein Schwiegersohn war) sowie zu verschiedenen Aspekten von Erinnerungskultur, Rassismus und Antisemitismus. Auch ein Stadtrundgang zu Spuren des Kolonialismus wurde angeboten. 

„Als Historiker wollten wir die Debatte mit Fakten und Perspektiven anreichern“, erklärt die Geschichtsprofessorin Isabel Heinemann, eine der Organisatorinnen und Organisatoren der Ringvorlesung. Das große Interesse hätte sie dann selbst überrascht: „Wir hatten jeden Montag ein volles Haus und teils so tolle Debatten, dass wir die Zeit überzogen haben.“ Möglich wurden diese dank eines Publikums aus ganz verschiedenen Sphären der Wagner-Stadt: „Das reichte von Mitgliedern der Bayreuther Bürgergesellschaft, die ‚ihren‘ Wagner lieben, bis zu kritisch-postkolonial-intellektuellen Kreisen.“ Inzwischen – und, sagt Heinemann, auch dank des Engagements der Universität – gibt es einen positiven Bescheid des Stadtrats: Das NS-Dokumentationszentrum in Chamberlains ehemaligem Wohnhaus soll gebaut werden. „Über Transfer wird ja viel gesprochen“, resümiert die Historikerin, „aber in diesem Fall haben wir wirklich etwas verändert.“

Ein zentrales Learning, das sie noch mit auf den Weg gibt: Für das Gelingen brauchte es eine enge Vernetzung der Fachbereiche mit der Kommunikationsabteilung. „Wir haben die wissenschaftlichen Kontakte, dort gibt es die kommunikative Expertise.“

Jeannette Goddar (31. Juli 2025)