Resiliente Hochschulen
Hochschulen müssen sich in einer rasant verändernden Welt bewähren und Studierenden und Forschenden Stabilität bieten. Wie können sie angesichts vielfältiger Krisen resilient sein? Mit dieser Frage beschäftigte sich der „ID-E Berlin International Dialogue on Education“, der unter dem Titel „Exploring Difference: Building Resilient Academic Institutions“ am 22. Oktober 2024 stattfand. Besonders im Fokus stand dabei das Thema Wissenschaftsfreiheit.
Es klingt paradox: Deutschland zählt zu den Ländern mit der größten Wissenschaftsfreiheit weltweit, gleichzeitig ist man in kaum einem anderen Land so besorgt über deren Rückgang. Für Professorin Karla Pollmann, Präsidentin der Eberhard Karls Universität Tübingen, hängt das mit der Furcht der deutschen Öffentlichkeit vor staatlicher Einflussnahme zusammen. Und mit den großen Unterschieden, die nach wie vor zu den Hochschulsystemen anderer Länder bestehen. „In den USA ist es möglich, dass eine Hochschulpräsidentin von einem Senator damit konfrontiert wird, dass nur etwa zwei Prozent der Studierendenschaft für die Republikaner stimmen werden. Obwohl es doch eigentlich 50 Prozent sein müssten, wenn wirklich die ganze Gesellschaft repräsentiert wäre. Das wäre in Deutschland undenkbar.“
Zusammen mit Dr. Gregory Fowler, Präsident des University of Maryland Global Campus, und Tayyeb Shah, Vizepräsident der European Association for International Education, sprach Pollmann Ende Oktober 2024 im Rahmen des „ID-E Berlin International Dialogue on Education“. Fokus der Diskussion war der gesellschaftliche und politische Druck, unter dem Universitäten inzwischen weltweit stehen und wie sich dieser auf ihre akademische Integrität auswirkt. Und daran anknüpfend die Frage: Wie können sie diese unter erschwerten Bedingungen bewahren? Wie können sie resilient bleiben?
Ziel der seit 2007 stattfindenden Workshopreihe ist der Austausch über die aktuellen Bedingungen in verschiedenen Hochschulsystemen weltweit. Beteiligt sind das British Council Germany, der DAAD, die deutsch-amerikanische Fulbright-Kommission, der australische Hochschulverbund Group of Eight, die Botschaft von Kanada sowie die Freie Universität Berlin. Während Pollmann die deutsche Perspektive einbrachte, berichtete Fowler aus der Sicht einer global agierenden Hochschule in den USA; Shah war als ausgesprochener Kenner des britischen und australischen Bildungssystems eingeladen.
Wissenschaftsfreiheit weltweit bedroht
Für Dr. Michael Harms, Stellvertretender Generalsekretär des DAAD, ist die Wissenschaftsfreiheit als Teil einer wirksamen Führungsstrategie neben starken internationalen Netzwerken und einem gesunden Umfeld für Studierende und Hochschulmitarbeitende ein Grundpfeiler für die Resilienz des Hochschulsystems. Und es gibt dringenden Handlungsbedarf: „Die Wissenschaftsfreiheit ist vielfach bedroht. Zum einen ist die liberale Demokratie in vielen Ländern unter Druck geraten, die dortigen Hochschulen sind sehr gefordert, ihre Autonomie, ihre Selbstständigkeit und ihre Unabhängigkeit gegen Eingriffe des Staates zu verteidigen. Aber auch die Wissenschaftsfreiheit in liberalen Ländern muss immer wieder verteidigt werden, wenn die Universitäten weiterhin als Räume des offenen Diskurses und der freiheitlichen Meinungsäußerung agieren wollen.“
Anders als in Deutschland spielt die Angst vor politischer Einflussnahme zum Beispiel in den USA eine nicht ganz so große Rolle. Für Gregory Fowler ist es vor allem die Frage nach gesellschaftlicher Relevanz, welche die meisten Hochschulen in den Vereinigten Staaten zunehmend umtreibt. „Man bezahlt hier sehr viel Geld für seine Ausbildung. Dann muss auch das Vertrauen da sein, dass sich das lohnt. Und genau das geht gerade verloren“, so Fowler. Der Veränderungsdruck für Universitäten entstehe durch die Notwendigkeit, die Lehre an die spezifischen Anforderungen der Gegenwart anzupassen. Eine Entwicklung, die Tayyeb Shah auch für die Hochschulbildung im Vereinigten Königreich sieht: Viele Arbeitgeber würden nicht mehr darauf vertrauen, dass Universitäten die Ausbildung bieten, die sie für ihre Fachkräfte benötigen.
Für die Diskussion um die akademische Freiheit wird dies in dem Moment relevant, in dem sich dieser Trend in sinkenden Studierendenzahlen niederschlägt. Das britische System ist mehr noch als das US-amerikanische auf den Geldfluss durch Studiengebühren angewiesen. Bleibt dieser aus, etwa durch den erwähnten Vertrauensverlust in die Institution Hochschule, oder, wie im Falle Großbritanniens, durch den Brexit-bedingten starken Rückgang ausländischer Studierender, müssen andere Finanzierungsquellen erschlossen werden. Und diese bringen wiederum neue Abhängigkeiten mit sich. Tayyeb Shah beobachtet diese beispielsweise in den zunehmenden Bestrebungen der Regierung, Einfluss auf die China-Kooperationen britischer Hochschulen zu nehmen.
Streben nach gesellschaftlicher Relevanz
Insgesamt bleibt die Herausforderung: Wie stellt man sich strategisch auf, um die akademische Integrität der Freiheit der Forschung trotz externer Finanzierung zu erhalten? Sowohl für Fowler als auch für Shah ist klar: Die Universitäten werden als Bildungsinstitutionen nur überleben, wenn sie ihren Status als Wissensvermittler und Gestalter eines gesellschaftlichen Diskurses behalten. Der Schlüssel dazu sei eine stärkere Kundenorientierung. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Studierenden eine gute Zeit bei uns haben“, so Tayyeb Shah.
Was das Anwerben von Fördergeldern angeht, verfolgt er einen sehr pragmatischen Ansatz: „Es ist schön und gut, dass einige unserer Elite-Institutionen sich auf die Grundlagenforschung konzentrieren, also etwas, das der Menschheit vielleicht in ein, zwei Jahrzehnten nützt. Aber wenn es darum geht, Geld einzuwerben, tut man gut daran, den Anwendungsbezug und damit die unmittelbare gesellschaftliche Relevanz in den Vordergrund zu stellen.“
Vor- und Nachteile des deutschen Systems
Sind die deutschen Hochschulen mit ihrer staatlichen Förderung hier besser aufgestellt? Einerseits ja. „Die Stärke der deutschen Universität ist sicherlich ihre Stabilität. Der Staat versteht sich hier als Hüter von Verlässlichkeit und langfristiger Planung“, so Karla Pollmann. Das bedeutet eine größere Unabhängigkeit von externen Geldquellen. Und damit auch die Chance, sich gerade solchen Forschungsfeldern zuzuwenden, die nicht der unmittelbaren Logik eines „return of investment“ folgen, sondern sich eher langfristig auszahlen. Beispiel: die Erforschung neuer Antibiotika. „Das ist für die Industrie gerade nicht interessant, weil es relativ teuer und im Vergleich zu anderen Medikamentengruppen kommerziell nicht attraktiv ist. Trotzdem können wir uns in Tübingen einen Forschungscluster leisten, der sich genau mit diesem Thema beschäftigt.“
Eine Herausforderung im deutschen System ist der sehr hohe Anteil befristet beschäftigter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Denn im ungünstigsten Fall hat die Dauer der Beschäftigung natürlich auch Einfluss darauf, wie frei geforscht werden kann und welche Themen mit welcher Intensität bearbeitet werden können. Dieses Problem sieht auch Karla Pollmann, wenngleich sie gleichzeitig die Vorteile eines Systems betont, das den Wechsel von Hochschule zu Hochschule fördert und damit auch die Chancen erhöht, vielfältige Erfahrungen zu sammeln. „Das ist immer noch ein hohes Ideal in der europäischen Hochschultradition, auch wenn es seinen Preis hat. Wenn man 30 ist, möchte man vielleicht eine Familie gründen und dann benötigt man eine sichere Berufsperspektive.“
Risiko politischer Einflussnahme
Obwohl die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland durch das Grundgesetz abgesichert sei, bestünde grundsätzlich auch hierzulande das Risiko einer politischen Einflussnahme, wie Karla Pollmann einräumte. Auf die Frage, ob sie sich Sorgen mache, dass Universitäten durch das Erstarken rechtspopulistischer Kräfte zukünftig in der Wahl ihrer Forschungsfelder beeinflusst werden könnten, antwortete sie mit einem eindeutigen Ja. Das sei ein ernst zu nehmendes Problem. In den jeweiligen Parteiprogrammen sei sehr offen davon die Rede, dass man die Finanzierung von Forschungsvorhaben an bestimmte Bedingungen knüpfen möchte. Viele würden das noch nicht richtig ernst nehmen. „Das macht mir große Sorgen.“
Klaus Lüber (14. November 2024)