Grimm-Preise: Den Wandel der Zeit überdauern

Dr. Sophie Picard: „Die Zeit in Jena hat mich stark geprägt.“

Dr. Sophie Picard, Dozentin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Aix-Marseille, wird vom DAAD mit dem Jacob- und Wilhelm-Grimm-Förderpreis ausgezeichnet. Die Spezialistin für Klassik- und Kanonforschung zeigt großes Engagement in Forschung und Pädagogik – und setzt sich für die deutsch-französische Freundschaft ein.

Frau Dr. Picard, Sie forschen zur Rezeption von Literatur. Was ist Ihr zentraler Schwerpunkt?
Ich verfolge einen breiten Ansatz und untersuche, inwiefern Texte und andere kulturelle Artefakte wie Musik oder Kunst von Gesellschaften aufgenommen und verwendet werden. Dazu gehört auch der Gebrauch in populären Kontexten, dem ich in einem Projekt zu kulturellen Ikonen nachgegangen bin. Im Graffiti beispielsweise sind immer wieder Anspielungen auf Schriftsteller oder literarische Figuren zu finden: So kann ein Kafka-Graffiti auf die Absurdität einer Situation oder eines Ortes hinweisen, ein Stencil mit der Aufforderung „Sei Pippi, nicht Annika“ die bekannten Kinderbücher von Astrid Lindgren zu einer feministischen Botschaft bündeln. Auch in Form von humorvollen Memes, die als digitale Inhalte in den sozialen Medien viral gehen, kommen literarische Zitate zur Anwendung. Sogenannte geflügelte Worte wie Shakespeares „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ oder Nietzsches „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ tauchen oft in Kombination mit verschiedenen Bildern im Internet auf. Daran wird meiner Ansicht nach deutlich, welch hohen Stellenwert Literatur heute immer noch hat.

Auch in Ihrer Dissertation haben Sie die Wirkungsgeschichte von Klassikern analysiert. Was ist der Grund dafür, dass Komponisten und Schriftsteller wie Ludwig van Beethoven, Johann Wolfgang von Goethe und Victor Hugo nicht in Vergessenheit geraten?
Die Tatsache, dass sie den Wandel der Zeit überstehen, hat überraschenderweise wenig mit der vorhandenen intrinsischen Qualität der Werke zu tun. Entscheidend ist vielmehr, dass sie in unterschiedlichen soziokulturellen Kontexten aus je verschiedenen Gründen als wertvoll und erhaltenswert angesehen werden. Das mache ich in meiner Arbeit anhand einer Betrachtung mehrerer Gedenkfeiern deutlich. 1932, zum 100. Todestag von Goethe, hat Deutschland den Schriftsteller auf extreme Weise nationalisiert – in Frankreich galt er zur selben Zeit als „französischer Klassiker“. Die Gedenkfeiern im Jahr 1949 zu seinem 200. Geburtstag verbreiten hingegen die Vorstellung von Goethe als Universalgelehrtem und Erfinder der Weltliteratur. Für all diese Repräsentationen des Klassikers gibt es zwar Belege, sie beruhen aber teilweise auf sehr selektiven Betrachtungen und Interpretationen der Texte.

Das zweite Jahr Ihres Masterstudiums und Ihre Promotion haben Sie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena absolviert. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Deutschland?
Die Zeit in Jena hat mich stark geprägt. Während meines Masterstudiums habe ich mich dort zum ersten Mal mit der Frage der Rezeption von Literatur und Musik auseinandergesetzt. Zudem bin ich in Jena, Weimar und Umgebung den Spuren gefolgt, die die Weimarer Republik, die Zeit des Nationalsozialismus und die DDR hinterlassen haben. Dabei wurde mir klar, wie Historie immer wieder aus der jeweiligen Gegenwart konstruiert und erzählt wird. In meiner Promotion habe ich weiter zu diesen Fragen geforscht und zusammen mit einer Forschendengruppe einen funktionalen Klassikbegriff erarbeitet, der sich von ästhetischen und historischen Definitionen abgrenzt. 

Die Entwicklung der Europäischen Union spiegelt sich ein Stück weit in meiner eigenen Biografie.
Dr. Sophie Picard

Sie sind in einer deutsch-französischen Grenzregion zweisprachig aufgewachsen. Inwiefern hat Ihre Herkunft Ihren Werdegang beeinflusst?
Seit meiner Schulzeit in Sarreguemines habe ich von verschiedenen deutsch-französischen Austausch-Programmen profitiert. Mit dem Abibac hatte ich die Möglichkeit, sowohl das deutsche Abitur als auch das französische Baccalauréat zu erwerben. Schon als junger Mensch habe ich realisiert, wie Europa im Konkreten aussehen kann: Die Zollhäuser, an denen ich auf meinem Weg zur Grundschule vorbeiging, verschwanden irgendwann und ein Europaplatz entstand. Die Entwicklung der Europäischen Union spiegelt sich so ein Stück weit in meiner eigenen Biografie. Darüber hinaus habe ich zu unserem Nachbarland auch aus familiären Gründen eine enge Bindung: Die Familie meiner Mutter stammt aus Deutschland, und ich habe die deutsche Sprache bereits als Kind erlernt. Die deutsch-französische Perspektive ist für mich dadurch selbstverständlich und fließt auch immer wieder in meine Arbeit ein.

Sie sind Präsidentin des Kulturvereins Centre Franco-Allemand de Provence. Inwiefern ist es Ihnen wichtig, sich für die deutsch-französische Partnerschaft einzusetzen? 
Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen halte ich dieses Engagement für zentral – und gleichzeitig für eine große Herausforderung. Was für meine Generation selbstverständlich geworden war – etwa die vielfältigen Angebote des Deutsch-Französischen Jugendwerks – scheint heute nicht mehr so attraktiv zu sein. In Frankreich werden Standorte des Goethe-Instituts geschlossen, auch an unserer Universität sehen wir uns innerhalb der Germanistik mit sinkenden Studierendenzahlen konfrontiert. Bedauerlicherweise wird in Frankreich auch an Schulen immer weniger Deutsch gelernt – und in Deutschland entscheiden sich Schülerinnen und Schüler seltener für das Fach Französisch. 

Warum lohnt es sich aber Ihrer Ansicht nach, die Sprache des jeweiligen Nachbarlandes zu lernen? 
Dafür gibt es zunächst wirtschaftliche und politische Argumente: Frankreich ist in vielen Bereichen nach wie vor einer der wichtigsten Partner Deutschlands, Expertinnen und Experten der beiden Sprachen und Kulturen werden in der Wirtschaft, der Kultur, der Diplomatie gebraucht. Darüber hinaus bin ich aber davon überzeugt, dass das Lernen von fremden Sprachen das Erwerben von Kompetenzen ermöglicht, die in der heutigen Zeit unter anderem mit der rasanten Entwicklung und Verbreitung Künstlicher Intelligenz von grundlegender Bedeutung sind. Fähigkeiten wie das kritische, fokussierte Lesen von Texten sowie das schnelle Bewerten und Einordnen von Informationen werden meiner Ansicht nach in Fremdsprachenstudiengängen auf besondere Weise geschult. Das möchte ich auch meinen Studierenden vermitteln. 

Eine Besonderheit des Deutschen ist, dass es den Streitbegriff positiv konnotiert
Dr. Sophie Picard

Der Grimm-Förderpreis beinhaltet einen einmonatigen Aufenthalt in Deutschland. Welche Pläne haben Sie dafür? 
Vor wenigen Monaten habe ich gemeinsam mit Forschenden aus Deutschland, Frankreich und Österreich damit begonnen, mich mit der deutschen Streitkultur zu beschäftigen. Eine Besonderheit des Deutschen ist, dass es den Streitbegriff positiv konnotiert – im Französischen und in vielen anderen Sprachen ist dies nicht der Fall. In unserem Projekt gehen wir der Frage nach, wie literarische Texte einerseits gesellschaftliche Konflikte aufgreifen und andererseits literarische Streitfragen Eingang in gesellschaftliche Diskussionen finden. Jena scheint mir der richtige Ort zu sein, um dieses Thema zu vertiefen: An der Friedrich-Schiller-Universität herrscht eine produktive Streitatmosphäre, mit meinen Kolleginnen und Kollegen habe ich die Thesen meiner Doktorarbeit immer auf sehr anregende Weise debattiert. 

Interview: Christina Pfänder (26. September 2024)
 

 

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