Female Leadership: „Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“

Stipendiatinnen des DAAD-Programms Leadership for Africa: weibliche Führungsqualitäten als Gewinn für die Gesellschaft

Weibliche Führungsverantwortung an Hochschulen, Feministische Außenpolitik und der Einsatz des DAAD: ein Gespräch über Female Leadership mit Präsident und Vizepräsidentin des DAAD, Professor Joybrato Mukherjee und Dr. Muriel Helbig.

Frau Dr. Helbig, Herr Professor Mukherjee, Sie beide haben Führungsverantwortung sowohl an der Spitze des DAAD als auch an Ihren Hochschulen. Was bedeutet Ihnen „Female Leadership“ persönlich?

Dr. Muriel Helbig: Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, als Frau Führungsverantwortung zu übernehmen. Besonders wichtig ist mir, dass die Stärkung von Female Leadership als gesamtgesellschaftliche Aufgabe angesehen wird. Menschen in unterschiedlichen Positionen, mit verschiedenen Erfahrungen und Expertisen sind gefragt, um die Gleichstellung von Frauen in Führungsfragen zu ermöglichen – gerade auch die Männer.

Professor Joybrato Mukherjee: Wir müssen in der Tat mehrere Ebenen betrachten: Es geht einerseits darum, die Zahl der Frauen in Führungspositionen zu erhöhen, insbesondere in der Wissenschaft. Mit Female Leadership verbinde ich zudem die Frage, wie auch Männer vermehrt positive Eigenschaften wie Kooperationsstärke, Aufmerksamkeit und Empathie zeigen können. Darin liegen wertvolle Chancen zur Weiterentwicklung von Institutionen.

An der Spitze des DAAD: Vizepräsidentin Dr. Muriel Helbig und Professor Joybrato Mukherjee (hier bei ihrer Wiederwahl im Juni 2023)


Der Frauenanteil in den Leitungen staatlicher deutscher Hochschulen hat zuletzt wesentlich zugenommen, liegt aber noch bei überschaubaren 32 Prozent. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Mukherjee: Auch wenn Parität zwischen den Geschlechtern noch nicht erreicht ist, können wir durchaus von einem sehr positiven Trend sprechen. Wenn wir genauer hinschauen, sehen wir, dass der Frauenanteil bei den Leitungen der Universitäten bereits bei 42 Prozent liegt. Damit ist die Zahl der Universitätspräsidentinnen und -rektorinnen im Vergleich zum Jahr 2018 um 17 Prozentpunkte angestiegen. Der von Ihnen genannte Mittelwert von 32 Prozent weiblicher Hochschulleitungen kommt durch den niedrigeren Anteil von 25 Prozent an den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Die grundsätzlich positive Entwicklung ist mir auch auf meinem persönlichen Weg begegnet: Als ich 2009 Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) wurde, kamen zwei Kolleginnen als Vizepräsidentinnen in das zuvor rein männlich besetzte Leitungsgremium. Meine Nachfolgerin an der Spitze der JLU wurde Katharina Lorenz. Und als Rektor der Universität zu Köln arbeite ich mit drei Prorektorinnen und drei Prorektoren zusammen.

Helbig: Ich leite jetzt seit zehn Jahren die Technische Hochschule Lübeck und auch ich muss sagen: Es hat sich einiges verändert. Früher war ich noch öfters die einzige Frau in Leitungsrunden, mittlerweile begegnen mir im Austausch mit anderen Hochschulen viele starke weibliche Führungspersönlichkeiten. Sie kommen unter anderem durch die Erweiterung des Fächerspektrums an den HAW auch dort häufiger in Führungsverantwortung, aber wir dürfen uns nicht auf den Fortschritten ausruhen: Die beschriebenen positiven Entwicklungen können sich durch einzelne personelle Entscheidungen auch schnell wieder umkehren. Die Stärkung von Female Leadership ist eine Daueraufgabe – und umfasst natürlich mehr als die Besetzung von Spitzenpositionen an Hochschulen.

Es gilt, strukturelle Nachteile abzubauen. Dr. Muriel Helbig 

Welche Chancen sehen Sie in der Stärkung von Female Leadership?

Helbig: Es ist für unseren gesellschaftlichen Fortschritt extrem relevant, dass wir allen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht die gleichen Chancen und Möglichkeiten bieten. Das betrifft auch die Chancen zur Führungsverantwortung. Es gilt, strukturelle Nachteile abzubauen. Wir können es uns nicht leisten, den Talenten von Frauen nicht gerecht zu werden. In der Wissenschaftswelt haben wir eine Vorbildfunktion – und an Hochschulen ist es besonders auffällig, wenn Potenziale verschenkt werden. Der DAAD beschäftigt sich sehr intensiv mit der Frage, wen wir fördern und erreichen. Das geschieht unter der Maßgabe der Diversität: Ausgewogenheit und Fairness sind für uns bei der Auswahl der Geförderten zentral. Natürlich bleibt das fachliche Potenzial der Bewerberinnen und Bewerber entscheidend. Ich konnte in der Vergangenheit zum Beispiel Mitglieder der climapAfrica Women’s Group kennenlernen, die aus dem ehemaligen DAAD-Programm climapAfrica zur Erforschung des Klimawandels entstanden ist. Es war beeindruckend, zu sehen, wie die Förderung von wissenschaftlichem Talent und die Stärkung von Gleichberechtigung zusammenkommen.

Mukherjee: Der DAAD schreibt auch Programme aus, die sich ausdrücklich an Frauen richten. So bin ich sehr froh, dass wir 2023 das Programm Empower Future Female Afghan Leaders (EFFAL) mit Mitteln des BMZ starten konnten. Es richtet sich vor allem an afghanische Frauen, denen die Taliban ein Studium in ihrem Heimatland verwehren. Uns geht es auch um die Stärkung von Rollenvorbildern. Durch unser Programm DIES (Dialogue on Innovative Higher Education Strategies) fördern wir insbesondere Gleichstellung und Empowerment von Frauen. Im Rahmen von DIES ist zum Beispiel ein Kurs speziell für Frauen in Führungspositionen an Universitäten in der Andenregion entstanden. Für unsere Förderprogramme betreiben wir seit einigen Jahren ein konsequentes Diversitätsmonitoring. Im Rahmen dieses Monitorings achten wir auch genau darauf, wie sich die Verteilung von Frauen und Männern in unseren Programmen entwickelt und darauf, dass Chancengerechtigkeit besteht.

Welche Rolle spielt für den DAAD die Feministische Außenpolitik der Bundesregierung?

Helbig: Ich halte die Stärkung des Themas Feministische Außenpolitik durch Deutschland für ein wichtiges Signal. Das ist für viele noch ein fremdes Konzept, umso wichtiger ist es, dass wir es auf verschiedenen Ebenen konkret und glaubhaft mit Leben füllen. Wir dürfen uns aber auch nicht der Illusion hingeben, dass sich dieser Politikansatz, der insbesondere Rechte, Ressourcen und Repräsentanz von Frauen sowie Kindern und marginalisierten Gruppen in den Blick nimmt, überall schnell durchsetzt. Auch hier wird es darauf ankommen, dass sich Männer wie Frauen für die Anliegen Feministischer Außenpolitik einsetzen.

Mukherjee: Der DAAD ist in einem engen Austausch mit dem Auswärtigen Amt zu der Frage, wie unsere Programme die Ziele Feministischer Außenpolitik unterstützen können. Wir sammeln auch entsprechendes Wissen und organisieren den Dialog zu diesem wichtigen Thema. Mit unserem weltweiten Außennetzwerk sind wir besonders gefragt, darauf zu schauen, wie sich gleichstellungspolitische Fragen international entwickeln. Mein Eindruck ist, dass zahlreiche Staaten erkannt haben, wie wichtig Geschlechterparität gerade auch bei Führungsaufgaben ist. Keinem gesellschaftlichen System tut es gut, wenn ein signifikanter Teil der Gesellschaft nicht angemessen repräsentiert wird. Es geht nicht um Altruismus, sondern um die Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft. Dort, wo ein Rechtsruck und Hinwendung zum Autoritarismus erfolgen, ist das oft auch mit einer Abwendung von Geschlechtergerechtigkeit verbunden.

Unsere Führungsphilosophie ist weiblich geprägt Prof. Dr. Joybrato Mukherjee

Welche Rolle spielt Female Leadership für die Institution DAAD?

Helbig: Im DAAD kommen so unterschiedliche Menschen, Expertisen und Erfahrungen zusammen, dass wir für die Stärkung von Female Leadership sehr gut geeignet sind. Die Bedeutung, die Vielfalt für den DAAD hat, spiegelt sich auch in unserer Diversitätsagenda. Es bleibt aber viel zu tun. Auch bei den Mitgliedshochschulen des DAAD können wir feststellen: In der mittleren Führungsebene ist der Frauenanteil sehr hoch, bei den Hochschulleitungen aber noch sehr ausbaufähig.

Mukherjee: Der DAAD als Organisation lebt Female Leadership. Die klare Mehrzahl unserer Referate wird von Frauen geleitet. Unsere sechs großen Abteilungen haben an der Spitze drei Direktorinnen und drei Direktoren. Auch in Vorstand und Kuratorium herrscht nahezu Geschlechterparität. Man kann sagen: Unsere gesamte Führungsphilosophie ist weiblich geprägt, was sich an Teamgeist, Empathie, aber auch der Fähigkeit zu Perspektivwechseln und Interessensausgleich zeigt. Das sind entscheidende Voraussetzungen für unseren Erfolg.

Interview: Johannes Göbel (13. September 2024)

 

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