Vom DAAD-Stipendium zur weltweiten Fundraising-Kampagne

Porträt Barbara Gerold Wolke

Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen leistet medizinische Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten. Seit April 2023 koordiniert Barbara Gerold-Wolke die länderspezifischen Fundraising-Kampagnen. Warum ihr DAAD-Stipendium im Carlo-Schmid-Programm entscheidend zu ihrer Karriere beitrug, erzählt sie in diesem Beitrag. 

Im Alltag fühlt sich Barbara Gerold-Wolke manchmal wie eine Dirigentin: „Die weltweite Spendenwerbung von Ärzte ohne Grenzen zu koordinieren – das ist ein bisschen, als würde ich ein Konzert mit 1.200 Mitwirkenden leiten, die alle unterschiedliche Ausbildungen und Stilrichtungen mitbringen“, sagt sie. „Meine Aufgabe ist es sicherzustellen, dass wir im Gleichklang sind.“ Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans frontières/MSF) sammelt in 40 Ländern Spenden für medizinische Nothilfe-Einsätze. Seit April 2023 ist Barbara Gerold-Wolke dafür verantwortlich, dass die länderspezifischen Fundraising-Kampagnen in Krisen und Notsituationen aufeinander abgestimmt sind und den internen Prinzipien und Regeln entsprechen. Ihr Team erarbeitet außerdem Analysen, auf deren Grundlage strategische Entscheidungen getroffen werden – zum Beispiel, in einem weiteren Land ein Büro zur Spendenwerbung aufzubauen. 

„Man muss die eigene Organisation sehr genau kennen, um sie nach außen zu vertreten und Menschen zu erreichen, die dieselben Ziele, Werte und Interessen haben“, sagt Gerold-Wolke, die auch Mitglied im Management-Team des Internationalen Büros von MSF ist. „Dazu gehört, dass man offen anspricht, was sich ändern sollte, andere davon überzeugt und selbst aktiv beim Verbesserungsprozess mithilft. Fundraising ist immer auch Organisationsentwicklung. Das macht mir sehr viel Freude!“ 

Barbara Gerold-Wolke wuchs in einem Dorf im oberbayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen auf. „Als Kind habe ich Bücher aus aller Welt verschlungen und auch die Magazine der kirchlichen Hilfswerke“, erzählt sie. „Darum habe ich mich früh mit Fragen beschäftigt, die mich bis heute umtreiben: Warum gibt es so viel Ungleichheit, wer genießt welche Privilegien, wie könnte die Welt gerechter und friedlicher werden?“ Nach dem Abitur 2001 leistete sie Freiwilligenarbeit in einem benachteiligten Viertel im Norden Argentiniens. Danach studierte sie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder zunächst Kulturwissenschaften und anschließend den mehrsprachigen Masterstudiengang „European Studies“: „Ich fand die Kombination aus Kultur- und Sozialwissenschaften, Recht und Wirtschaft toll – und auch die direkte Nähe zu Polen“, sagt sie. 

„Dass Fundraising ein Beruf ist, wusste ich nicht“ 

Zusammen mit anderen Studierenden gründete Barbara Gerold-Wolke den Verein „Kunstgriff“, ein deutsch-polnisch-internationales Kulturnetzwerk, das bis heute besteht. „Für unseren Verein und zuvor schon für eine Kindertagesstätte in Argentinien habe ich auch Spenden gesammelt“, erinnert sie sich. „Aber dass Fundraising ein Beruf ist, wusste ich damals nicht!“ 

Ärzte ohne Grenzen

Das änderte sich, als sie nach dem Studienabschluss 2009 ein DAAD-Stipendium im Carlo-Schmid-Programm erhielt, das herausragenden Studierenden und Absolventen mehrmonatige Praktika in internationalen Organisationen ermöglicht. „Ohne diese Unterstützung hätte ich es mir nicht zugetraut, mich beim Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen in Genf zu bewerben“, sagt sie. Dort absolvierte sie ihr Praktikum im Bereich „Donor Relations“ – und hatte ihren Traumberuf gefunden. Nach beruflichen Stationen beim Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) und der Anti-Korruptionsorganisation „Transparency International“ in Berlin wechselte sie 2017 als Leiterin der Abteilung Fundraising zu Ärzte ohne Grenzen Deutschland. Bis heute ist sie auch als Mentorin für Berufseinsteigerinnen aktiv: „Als DAAD-Stipendiatin konnte ich Netzwerke aufbauen, die bis heute tragen. Diese Unterstützung möchte ich gern weitergeben.“ 

Katastrophale Lage in Gaza

Barbara Gerold-Wolke lebt heute mit ihrer Familie in Berlin. In ihrer Freizeit näht und strickt sie sehr gern: „Das Schöne an Handarbeiten ist, dass man direkt das Ergebnis sieht!“, meint sie. Nur für die Musik – sie spielt Querflöte, Klarinette, Hackbrett und E-Bass – bleibe ihr leider momentan keine Zeit. Auch Fremdsprachen gehören zu ihren Leidenschaften: Seit ihrer Zeit in Argentinien und einem Studienjahr in Lissabon spricht Gerold-Wolke nicht nur Englisch und Französisch, sondern auch Spanisch und Portugiesisch fließend. „Mein Traum ist es, Arabisch zu lernen“, erzählt sie.

Ein wichtiger Aspekt ihrer Tätigkeit ist derzeit die Koordination der Spendenkampagnen für die Nothilfe in Gaza. In den 36 Jahren, in denen Ärzte ohne Grenzen dort tätig sind, sei die Lage noch nie so katastrophal gewesen, betont Gerold-Wolke: „Krankenhäuser sind zerstört, zugleich gibt es viele Patientinnen und Patienten mit schwersten Verletzungen, Schwangere bringen ihre Kinder in provisorischen Zelten zur Welt.“ Die MSF-Teams leisteten unter anderem chirurgische Nothilfe und versorgten Frauen nach der Geburt. Ärzte ohne Grenzen fordert einen dauerhaften Waffenstillstand in Gaza und die Öffnung aller Grenzübergänge, um effektiv humanitäre Hilfe leisten zu können.


Autor:in: Miriam Hoffmeyer (27.05.2024)