Forschungsstipendiaten
Dr. Kaan Ökten
Interview mit Dr. Kaan Ökten

Universität: Universität Göttingen (jetzt Bahçeşehir Üniversitesi, Istanbul)
Studienfach: Philosophie und politische Ideengeschichte
Studienjahr: 1996-97
Stipendienart: Jahresstipendium
Stipendiat von/bis: 1996-97
Beschreiben Sie kurz, wann Sie in Deutschland waren.
Eigentlich bin ich in Deutschland aufgewachsen. Meine Eltern waren sogenannte "Gastarbeiter". Wir haben in Mimmenhausen am Bodensee gelebt. Ich ging dort auch in die Schule. In der letzten Realschulklasse sind wir dann in die Türkei zurückgekehrt, das war 1984, als ich 15 war.
Den Kontakt mit Deutschland hatte ich nie abgebrochen. Ich wollte unbedingt in Deutschland studieren. So bewarb ich mich für ein Jahresstipendium des DAAD. Mit dem bewilligten Stipendium in der Hand fing ich an, in Göttingen an meiner Dissertation zu arbeiten, insbesondere über Heidegger, Kant und Nietzsche zu forschen – das war 1996-97. Ich musste aber wieder an meine damalige Universität in Istanbul zu-rück, so dass ich meinen Doktortitel hier in der Türkei erhalten habe.
Welche Erfahrungen haben Sie damals sammeln können und wie hat dies Ihren weiteren Lebens- und Bildungsweg beeinflusst?
Das Stipendium hat mir persönlich sehr viel bedeutet. Es war wie eine Bestätigung meines Lebensziels: die akademische Laufbahn. Sogar nach all den vielen Jahren kann ich mich immer wieder auf dieses Stipendium rückbeziehen und über die schöne Zeit in Göttingen sprechen. Dann sind da natürlich noch die Wiedereinladungen und die Literaturförderungen. Ich finde vor allem, dass die jährliche Unterstützung mit Fachliteratur etwas Wunderbares ist. Ohne Übertreibung kann ich sagen, dass ich mir in den letzten 15 Jahren mit den Finanzmitteln aus der Literaturförderung eine hervorragende Fachbibliothek zusammengestellt habe. Auf meine Handbibliothek bin ich besonders stolz. Ein ganz dickes Dankeschön an den DAAD!
Gibt es eine besondere Geschichte, die Ihnen in Bezug auf Ihren Deutschlandaufenthalt in Erinnerung geblieben ist?
Dass ich mich im Philosophischen Seminar in den gleichen Räumlichkeiten aufhalten konnte wie damals Edmund Husserl es tat, oder dass ich mich mit international renommierten Philosophen aus Göttingen besprechen konnte, sind bleibende Erinnerungen, die ich aus Göttingen mitgebracht habe. Wie Sie wissen, ist Göttingen eine kleine Universitätsstadt. Was mich am meisten beeindruckte, waren aber die immensen Bestände und architektonische Schönheit der Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) in Göttingen. Sehr lange habe ich mich mit meinen Istanbuler Kollegen über die SUB unterhalten und ihnen von den wunder baren Möglichkeiten dort erzählt. Mit meinem dortigen Betreuer, Professor Dr. Walter Euchner vom Seminar für politische Wissenschaften, habe ich immer eine gute Beziehung gehabt. Später hatte ich sogar die Gelegenheit, seine wissenschaftlichen Arbeiten zur Biopolitik ins Türkische zu übersetzen und als ein eigenständiges Buch zu veröffentlichen. Dies ist eine bleibende Erinnerung im wahrsten Sinne des Wortes.
Was hat Ihnen das Stipendium des DAAD rückblickend gebracht?
Das Stipendium war wie eine Weichenstellung in meinem Leben. Dass ich hierzulande als ein Vertreter deutschsprachiger Philosophie und Ideengeschichte angesehen werde, liegt nicht zuletzt daran, dass ich mit dem DAAD-Stipendium in Deutschland forschen konnte. Auf diesem Fundament habe ich dann kontinuierlich weitergebaut. Wie Sie sehen, spielt das Stipendium eine existentiell bedeutende Rolle für meinen wissenschaftlichen Werdegang. Aber nicht nur wegen der wissenschaftlichen Förderung war das Stipendium wichtig. Ich hatte die Möglichkeit, zusammen mit meiner Frau Nilgün in Göttingen zu leben. Für uns damals als neuverheiratetes Paar war diese Zeit sehr interessant, wir sind viel gereist, haben zusammen studiert, Partys besucht usw. Es war wirklich eine schöne Zeit, damals in Deutschland.
Was raten Sie Interessenten für ein Studium in Deutschland bzw. in der Türkei?
Das Stipendium gewährt dem Interessenten ein sorgenfreies Studentenleben, wo findet man denn sonst so etwas? Angehende Stipendiaten sollten auf jeden Fall ihren Kontakt zum akademischen Betreuer intensiv gestalten, denn der Betreuer spielt eine große Rolle, nicht nur für die wissenschaftliche Arbeit, sondern auch bei der Erledigung aller anfallenden akademischen Sorgen, wie Prüfungen, Kolloquien, Rigorosum usw. Des Weiteren sollten Interessenten die universitären Einrichtungen voll ausnutzen. Auch sollten sie sich in das deutsche akademische sowie soziale Treiben einleben. Dann erst wird der Aufenthalt in Deutschland nicht nur ein Forschungsaufenthalt, sondern eine Weichenstellung für das weitere Leben.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem DAAD in der Türkei und was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich sehe eine noch gehaltvollere Zusammenarbeit mit dem DAAD in der Türkei kommen, insbesondere im Rahmen der Deutsch-Türkischen Universität. Ich hoffe, dass genug Mittel zur Verfügung stehen, um weiterhin Stipendien (Kurzzeit- sowie Langzeitförderungen und natürlich auch die Fachliteraturförderung) ausschreiben zu können. Ganz große Bedeutung messe ich der Förderung der Geisteswissenschaften und der Künste bei. Es muss alles getan werden, dass die Zahl der Kenner der deutschen Sprache an türkischen Universitäten nicht noch weiter zurückgeht. Das wäre nicht nur schade aus sprachlicher Sicht, sondern auch ein immenser Verlust an universellem Geistesgut. Ich stehe gerne für weitere Fragen zur Verfügung, der E-Mail-Kontakt kann über das DAAD-Büro hergestellt werden.
