Sehr verehrte Leserinnen und Leser,
Liebe Constipendiaten,
Nun darf ich Sie und Euch alle wieder aus Freiburg begrüßen, wo ich eigentlich erst gestern Mittag angekommen bin.
Sie werden sich vielleicht fragen, ob ich doch in dem römischen Dieburg, zusammen mit Nida der wichtigste Ort der Civitas Taunensis, gewesen bin und dazu darf ich erzählen, dass ich mich in letzter Minute um entschlossen habe, und die Heimatstadt von dem leidenden Werther, nämlich Wetzlar an der Lahn besichtigt habe.
Der erste Eindruck, den ich von Wetzlar bekommen habe, war eher trist. Und zwar, weil der Bahnhof an der anderen Seite der Lahn liegt, an der Mündung einer Nachkriegszeitfußgängerzone, die fast nur mit geschlossenen Geschäften umhüllt ist. Ähnlich wie etwa in Meißen an der Elbe, beginnt die schöne Altstadt erst am anderen Ufer des Flusses.
Inmitten der mit Schnee bedecken Dächern, erhob sich der Turm des Domes hoch empor. Und wie man die Gassen bis zum Marktplatz hinaufsteigt verlor sich das Auge in den unzähligen sehr prachtvollen Fassaden der Fachwerkhäuser. Sonnen, Meerjungfrauen, Weinranken, Heilige, Kronen, Zepter und Sprüche begrüßten den neugierigen Reisenden. Schon auf dem Markt, wo auch ein Wochenmarkt stattfand, bekam ich eine Ortskarte und begab ich mich zunächst zum Dom. Diese Kirche wird, als schönes Exempel der Ökumene, zur Hälfte von der evangelischen und zur Hälfte von der katholischen benutzt. Als Jurist ist es besonders erfreulich zu sehen, dass die Cameralherren in ihren Grabsteinen, inmitten ihrer Wappen und Lebensdaten mit goldenen Lettern ihr Lebenswerk und –Pracht verewigten: Cameralherr am Gericht; Assessor des Richters, Doktor der Rechte. Denn in dem kleinen Provinzstädtchen lag bekanntlicherweise das Reichskammergericht über 200 Jahre lang.
Von da aus ging ich zum Lottehaus, also dort wo die Person, die die Figur der Lotte in dem berüchtigten Roman inspiriert hat, tatsächlich gelebt hat. Es handelt sich vielmehr um einen Museumskomplex in was früher ein Anwesen des Deutschen Ordens gewesen ist. So besichtigte ich zuerst das Stadtmuseum, und danach das benachbarte Haus, das Haus von Charlotte.
Wie ich rein kam wurde ich von der Museumswächterin durch die Räume geführt. Ich lernte die Geschichte der Bilder kennen, sah die Erstausgaben des Romans (der sog. Urwerther, die Raubausgabe mit den Stichen von Chodowiecki, die ersten Ausgaben in französischer, italienischer, spanischer und englischer Sprache, usw.), und bewunderte das Klavierkord von Lotte. Am Ende der Führung wurde ich nach meinem Herkunftsland gefragt, und so stellte sich heraus, dass ich der erste Mexikaner gewesen bin, der das Lottehaus je besichtigt hat. Folglich sollte ich mich natürlich in einem Gästebuch eintragen.
Danach ging ich essen und nach dem Essen in das Reichskammersgerichtsmuseum. Wirklich ein schönes, niedliches Museum. Im Großen und Ganzen war es wie eine Vorlesung der deutschen Rechtsgeschichte. Man durfte Illustrationen zur Goldenen Bulle, Prachtsausgaben des Sachsenspiegels, der Carolina, usw. sehen. Es gab viele Karten mit den Jurisdiktionsdistrikte, Bilder der berühmtesten Assessoren, viele Repräsentativwerke des Kameralliteratur, usw. Auch natürlich, und das kam mir besonders gut entgegen als Jurapraktikant, war einen Saal über die Praktikanten am Reichkammergericht vorhanden. Schön war es auch, dass als ich in dem Shop (meines Wissens sagt man nicht „Museumsladen“ sondern „Museumsshop“, obwohl es sich nach einem Anglizismus der Deutschen Bahn anhört) eine Kleinigkeit kaufte, ich dazu noch ein Faksimile einer Jurisdiktionskarte aus dem 18. Jhd. als Geschenk bekommen habe.
Bemerkenswert ist es auch, dass in allen diesen Museen in Wetzlar man immer zuerst klingeln muss, um überhaupt herein zu kommen. Man wird sogar gefragt, was man da möchte, und erst wenn der Reisende erklärt er möchte das Museum besichtigen, wird er rein gelassen. Nach dem Reichskammergericht ging ich zur Wohnung eines seiner bekanntesten Arbeiter, nämlich zur Wohnung des Karl Wilhelms Jerusalem, ein Bekannter des Autors von „West-Östlicher Divan“, der mit seinem Suizid die berühmte leidenschaftliche Figur mit gelben Hosen der deutschen Literatur inspiriert hat.
Dort wurde ich ebenfalls persönlich empfangen und durfte dann ein Modell der gelben Hosen und des blauen Gehrocks sehen und dann, am Ende der Führung sogar seine Pistole in die Hand nehmen. Denn wie der Führer zu Ende kam, öffnete er eine Schublade des Schreibtisches, nahm die Reisepistole heraus und überreichte mir die Waffe.
Von da aus verabschiedete ich mich von Wetzlar und kehrte nach Frankfurt zurück.
Ihnen und Euch allen wünsche ich noch eine schöne Woche.
Ich heiße Ignacio Garcia Lascurain Bernstorff und studiere Jura in Freiburg seit dem letzten Wintersemester.